Das Qualitätsverständnis des VPK (LV Bayern)

a) Worauf bezieht sich das Qualitätsverständnis des VPK?

Der VPK-Landesverband Bayern hat den bayrischen Rahmenvertrag nach § 78 f SGB VIII unterzeichnet und sich damit verpflichtet, die darin vereinbarten Regelungen zur Qualitätsentwicklung zu beachten. Dies gilt auch für seine Mitgliedseinrichtungen. Der jeweils fortgeschriebene Stand der Qualitätsentwicklungsvereinbarung (QEV) ist den Anlagen zum Rahmenvertrag zu entnehmen, insbesondere der Anlage 6.1 „Qualitätsanforderungen in der teilstationären und stationären Jugendhilfe“.

Als Verband von Leistungserbringern in der Kinder- und Jugendhilfe verortet sich der VPK in einem Spannungsfeld von Interessen, das durch den Anspruch auf eine bedarfsgerechte, qualitativ hochwertige und wirtschaftliche sowie transparente und nachprüfbare Leistungserbringung von seiten der Jugendhilfeträger einerseits und das Recht auf eine kindgerechte, vertrauenschaffende und entwicklungsfördernde Ausgestaltung der Hilfe, in der die institutionellen Aspekte und Erfordernisse der Leistungserbringung nicht stärker in Erscheinung treten als sinnvoll und notwendig, auf seiten der Hilfeempfänger andererseits. Diese Tatsache findet in den Bestimmungen des Rahmenvertrags, die dem Regelungsbedarf zwischen öffentlicher und freier Jugendhilfe Rechnung tragen, naturgemäß nicht die ihr zustehende Beachtung. Er ist daher, wie jeder Vertrag, auslegungsbedürftig. Die Auslegung des Rahmenvertrages vollzieht sich in seiner Umsetzung in der täglichen Arbeit in den Einrichtungen. Das Qualitätsverständnis des VPK bezieht sich auf die Reflexion und die Verantwortungsethik der Leistungserbringung in Bezug auf beide Seiten.

Die Qualität der in einer Einrichtung erbrachten Leistungen bemisst sich dementsprechend nicht am Ausmaß und an der Konsequenz, mit der die Bestimmungen der QEV umgesetzt werden, sondern an der Frage, wie diese Bestimmungen in den Dienst der Zielerreichung gestellt werden. Die Umsetzung der QEV findet ihre Grenzen dann, wenn der damit verbundene Arbeitsaufwand einen unverhältnismäßig hohen Anteil der personellen und zeitlichen Ressourcen bindet und dadurch mit der Kernaufgabe der Kinder- und Jugendhilfe, der individuellen Beziehungsgestaltung zu Kindern/Jugendlichen und ihren Eltern, in Konflikt zu geraten und damit die Einheit der Einrichtung als Institution und kompensatorischer Lebensrahmen für Kinder/Jugendliche mit Hilfebedarf zu gefährden droht.

Der VPK akzeptiert und beachtet die im SGB VIII verankerte und im bayrischen Rahmenvertrag (s. o.) inhaltlich ausgearbeitete Systematik der zu unterscheidenden Qualitätsaspekte von Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität. Sie entspricht den Regelungserfordernissen zwischen öffentlicher und freier Kinder- und Jugendhilfe. Da der VPK im vorliegenden Grundwertestatut sein Selbstverständnis zur Qualitätsentwicklung formuliert, legt er ihm eine davon abweichende Systematik zugrunde.

b) Das Qualitätsverständnis des VPK (LV Bayern)

Das Qualitätsverständnis des VPK bezieht sich primär auf die Arbeit in den Einrichtungen. Deren Qualität bemisst sich an der Befähigung der Einrichtung wie ihrer Mitarbeiter, die ihnen gestellten Aufgaben zu erfüllen.

1. Kriterien der Leistungserbringung

Die konkreten Zielvorgaben einer Hilfemaßnahme werden im Hilfeplan unter Federführung des belegenden Jugendamts und Einbeziehung der Hilfeempfänger (Sorgeberechtigte und Kinder/Jugendliche) formuliert. Den beteiligten Mitarbeitern der Einrichtung obliegt es, die Einschätzung der vorliegenden Problematik im Hinblick auf die Möglichkeiten der Einrichtung zur Geltung zu bringen. Dies betrifft einerseits die Berücksichtigung der eigenen fachlichen Möglichkeiten und Ressourcen, andererseits die Ermittlung des Erreichbaren bei der anzustrebenden Entwicklung des anvertrauten Kindes/Jugendlichen (seine persönlichen 100 %). Die Ermittlung der persönlichen 100 % des Kindes/Jugendlichen ist Daueraufgabe der Einrichtung und bildet die Grundlage ihrer fachlichen Maßnahmen.

2. Qualitätsanforderungen an die Fachkräfte im Gruppendienst

Die pädagogischen Fachkräfte einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe sollen über folgende Schlüsselqualitäten verfügen:

  • Empathiefähigkeit verbunden mit der Bereitschaft, die eigenen diesbezüglichen Dispositionen zu reflektieren;

  • Bereitschaft und Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf die Balance zwischen Einfühlungsbereitschaft und fachlicher Distanz hoch zu halten und als Leitprinzip ihrer Beziehungsgestaltung zu den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen zu akzeptieren;

  • Bereitschaft und Fähigkeit, fachlich begründete Rollen im Hilfeprozeß zu übernehmen, zu reflektieren und durchzuhalten;

  • Übernahme von Verantwortung in der Bezugsbetreuung unter Ausnutzung ihrer diesbezüglichen Kompetenz- und Entscheidungsspielräume;

  • Bereitschaft und Fähigkeit, über die unmittelbare Erziehungsarbeit hinaus Aufgaben und Verantwortung im Gefüge der Einrichtungsstrukturen zu übernehmen;

  • Teamfähigkeit, insbesondere die Bereitschaft und Fähigkeit zu kollegialem Austausch und kollegialer Supervision;

  • Die Bereitschaft, sich fachlich fortzubilden und an Entwicklungsprozessen der Einrichtung aktiv teilzunehmen.

  • Über Allem steht die Fähigkeit eines wertschätzenden und gewaltfreien Umgangs in Sprache und Haltung im erzieherischen Alltag wie in Krisensituationen und deren Weitergabe an die Kinder im Sinne eines Modelllernens.

3. Qualitätsanforderungen an die Einrichtungsleitung

Der Einrichtungsleitung obliegt es, neben der kaufmännisch-wirtschaftlichen Organisation und Leitung die fachlichen Strukturen und Abläufe in der Einrichtung so zu gestalten, dass die Bestimmungen der jeweils geltenden QEV in den Einrichtungsteilen und ihrem Zusammenwirken umgesetzt werden. Dies geschieht unter besonderer Beachtung der oben formulierten Vorgabe, dass sie mit den Erfordernissen der Arbeit an und mit dem Kind in den Wohngruppen in Einklang gebracht werden.

Das bedeutet insbesondere, dass die Einrichtungsleitung dafür Sorge zu tragen hat, dass die Arbeitszeit und die persönlichen Ressourcen der Fachkräfte im Gruppendienst möglichst weitgehend in den Dienst ihrer pädagogischen Aufgaben gestellt werden können. Dies ist zum einen erforderlich, weil die in der Hilfeplanung formulierten Ziele in erster Linie in der Beziehung zum Kind im Gruppenalltag und in der Bezugsbetreuung umgesetzt werden. Zum anderen erhält der achtsame Einsatz der Ressource „Arbeitskraft“ die Empathiefähigkeit der Fachkräfte und beugt ihrer Beeinträchtigung durch offene oder schleichende Überforderung vor. Eine wertschätzende Haltung gegenüber den Mitarbeitern drückt sich ebenso in einer branchenüblichen Entlohnung aus.

Eine besondere Verantwortung erwächst der Einrichtungsleitung aus dem Schutzauftrag auch der freien Jugendhilfe gegenüber Kinder- und Jugendlichen. Es obliegt ihr, im Sinne eines Schutzkonzeptes gegen Missbrauch und Misshandlung von anvertrauten Kindern und Jugendlichen die Aufmerksamkeit der Mitarbeiter zu schulen, zum Austausch über Verdachtsmomente auf allen Ebenen unter Einbeziehung der Kinder und Jugendlichen selbst zu ermutigen, im Bedarfsfall eine fachlich qualifizierte Diskussion zu organisieren und gegebenenfalls geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um dem Missstand nachhaltig abzuhelfen. Den Kindern und Jugendlichen sind geeignete Kommunikationswege aufzuzeigen, die sie nutzen können, sowie Personen zu benennen, an die sie sich wenden können, wenn sie in Not geraten.