Leitlinien

Das Recht eines jeden jungen Menschen „auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ (SGB VIII § 1 Abs. 1) wird in § 1 Abs. 1 SGB I in den Zusammenhang unserer gesellschaftlichen Realität gestellt.

„Das Recht des Sozialgesetzbuchs soll zur Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit und sozialer Sicherheit Sozialleistungen einschließlich sozialer und erzieherischer Hilfen gestalten. Es soll dazu beitragen

  • ein menschenwürdiges Dasein zu sichern,

  • gleiche Voraussetzungen für die freie Entfaltung der Persönlichkeit, insbesondere auch für junge Menschen, zu schaffen,

  • die Familie zu schützen und zu fördern,

  • den Erwerb des Lebensunterhalts durch eine frei gewählte Tätigkeit zu ermöglichen und besondere Belastungen des Lebens, auch durch Hilfe zur Selbsthilfe, abzuwenden oder auszugleichen.“

 

Als Erbringer sozialer Leistungen im Sinne des § 1 SGB I sind wir gefordert, die Sicht auf den individuellen Erziehungs- und Therapiebedarf des einzelnen Kindes oder Jugendlichen durch den Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen und Hindernisse zu erweitern, die dem Recht auf Selbstverwirklichung und freie Entfaltung des jungen Menschen auf gesellschaftlicher Ebene entgegenstehen. Dies betrifft in der gegenwärtigen geschichtlichen Phase der Bundesrepublik Deutschland insbesondere

  • die wachsende Ungleichheit zwischen Einkommensschichten und Bevölkerungsteilen

  • damit verbunden eine ungleiche Verteilung von Bildungschancen und eine zunehmende Entsolidarisierung innerhalb der Gesellschaft

  • ein schleichender Demokratieverlust durch Abtretung von öffentlicher Verantwortung an die privaten Verantwortungssysteme Wirtschaft und Finanzsystem

  • Anpassungsdruck persönlicher Lebensläufe und Lebensentwürfe an eine wirtschaftliche Verwertungslogik,

  • die Durchdringung des Alltags durch eine gesetzlich weitgehend ungeregelte, durch intransparente Interessen geprägte, die sozialen Bedürfnisse der Menschen instrumentalisierende Medienrealität.

 

Neben den einzelfallbezogenen, auf den individuellen Erziehungsbedarf abgestimmten und im Hilfeplan festgehaltenen Hilfeleistungen legen die Einrichtungen des VPK Wert auf struktur- und prozessbezogene Maßnahmen, die geeignet sind, diese gesellschaftlichen Entwicklungen, die auf ein zunehmendes gesellschaftliches Konfliktpotential hindeuten, im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu kompensieren.

Dazu gehören neben einem Zusammenleben im Geiste gegenseitigen Respekts und gegenseitiger Wertschätzung

  • die Schaffung transparenter und verlässlicher Rahmenbedingungen,

  • die Möglichkeit der Teilhabe an Entscheidungs- und Gestaltungsprozessen, die die Arbeitsbedingungen und die Lebensgestaltung in der Einrichtung betreffen, mit der Schaffung entsprechender Strukturen für das Fachpersonal wie für die betreuten Kinder und Jugendlichen,

  • ein Recht der Kinder/Jugendlichen auf Einspruch und Beschwerde bei Verstößen gegen die Integrität ihrer Person, empfundenem oder erlittenem Fehlverhalten von Seiten der Einrichtung oder der Nichtbeachtung der Hilfeplanung sowie die Aufklärung über entsprechende Verfahrensmöglichkeiten,

  • die Einübung in gewaltfreie Kommunikationsformen,

  • Einübung in einen geregelten und kritischen Umgang mit der neuen Medienrealität.

 

Die Umsetzung dieser Leitlinie, die den erzieherischen Auftrag im Einzelfall in den Kontext der vorgefundenen gesellschaftlichen Situation stellt, im Erziehungsalltag der Einrichtung erfordert ein hochgehaltenes Qualitätsbewusstsein und eine klare und konsequent eingehaltene berufsethische Haltung. Die Mitgliedschaft im VPK setzt die Bereitschaft zur Beachtung und Einhaltung der diesbezüglich formulierten Standards voraus.